HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, 02.07.2007
HILDESHEIM. Die Nacht, das wusste schon Gustaf Gründgens und sang es hinreißend, ist nicht allein zum Schlafen da. Bernhard Römer weiß das auch. Der Kantor und Organist der St.–Andreas–Kirche, zugleich Geschäftsführer des Kulturrings, veranstaltet alle zwei Jahre eine "Romantische Nacht". Am Sonnabend war es wieder einmal so weit, zum inzwischen sechsten Mal. Die Hildesheimer strömten in Scharen, es waren gut 1000, die in St.–Andreas–Kirche, Heilig–Kreuz–Kirche, Hotel Van der Valk, Rathaushalle und erstmals auch im Dom Musik in unterschiedlichen Besetzungen, aber unter einem gemeinsamen Motto hören wollten: "Reif für die Insel – Musik für eine britische Nacht." Reizvoll: Die Besucher haben die Wahl zwischen mehreren Konzerten, die parallel angeboten werden.
Römers Erfolgsgeheimnis: Ein seriöses Programm – leider haben nicht alle Konzertveranstalter dieses Verantwortungsbewusstsein, sondern setzen nur auf Events, die das schnelle Geld versprechen. Römers "Romantische Nacht" können die Besucher gleichwohl in lockerer Atmosphäre genießen: Es bleibt genügend Zeit, in Ruhe vom einen zum anderen Aufführungsort zu gelangen und vielleicht auch noch ein Glas Prosecco zu trinken.
Auf geht"s zum Eröffnungskonzert, und das ist – schnell einen Blick ins Programm geworfen, richtig: das ist in der St.–Andreas–Kirche. Viele, aber nicht alle sind schon dahin unterwegs. Vor einem Restaurant auf dem Marktplatz etwa sitzt ein junger Mann, der sein Geld in einem Hildesheimer Orchester verdient, er spielt erste Violine. Aber da auf dem Spielplan des Stadttheaters am Sonnabend das Schauspiel "Warten auf Godot" stand, hatte der Gute frei, wollte offenbar keine Musik hören, sondern Bier trinken. Warum nicht.
Die St.–Andreas–Kirche ist ausverkauft, auf jedem Platz liegt ein englisches Fähnchen (darin eingepackt ein Erfrischungstuch). Eine freundliche Geste. Was es musikalisch gibt, ist äußerst erfreulich. Und festlich. Schon bei Georg Friedrich Händel "Coronation Anthems" und dann bei der "Coronation Ode" von Edward Elgar ist zu hören, wie sorgfältig Römer mit seiner St.–Andreas–Kantorei gearbeitet hat. Ausgezeichnete Intonation, textverständlich, klangschön. Die deutlich artikulierende helios–kammerphilharmonie hannover überlagert die Kantorei an keiner Stelle, das Solistenquartett Nathalie de Montmollin (Sopran), Elisabeth Graf (Alt), Jörg Dürmüller (Tenor) und Matthias Gerchen (Bass) harmoniert bestens. Am Ende Beifall, Trampeln und Jubel.
Manche Menschen nehmen gerne einen Schirm mit, weil sie wissen: Dann regnet es nicht. Aber weil die junge Dame auf dem Nebenplatz am Ende des Konzerts die Kirche schnell verlassen wollte – jedenfalls war der Schirm dann weg. Und wenn man das erst in der Judenstraße merkt, muss man halt zur St.–Andreas–Kirche zurück. Nein, da liegt er nicht mehr, auch die Bemühungen der freundlichen Dame, die dort die Aufsicht führt, sind nicht von Erfolg gekrönt. Nein, jetzt bitte keinen Prosecco, irgendwie ist die Laune – plötzlich tauchen auf dem Marktplatz eine weitere Konzertbesucherin und deren Mann auf – mit dem Schirm in der Hand: "Das ist doch ganz bestimmt Ihrer?" Es gibt doch noch freundliche Menschen, die Laune ist wiederhergestellt, noch einen Blick zum Tisch vor dem Restaurant geworfen: Richtig der Geiger sitzt da noch, hebt zum Gruß das Glas.
Rasch ins Rathaus, in der Halle spielt die Pianistin Konstanze Eickhorst gleich die "Londoner Sonate" C–Dur von Joseph Haydn und die "Variations sérieuses d–Moll" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Wie sie musizierte, es war beeindruckend. Sehr differenzierter Anschlag, improvisatorisch der zweite und dritte Satz bei Haydn, keine falsche Glätte bei Mendelssohn, kraftvoll, durchsichtig trotz der grausigen Akustik der Halle – wie sie Melodien hervorheben kann… Störend lediglich ein technisches Gerät, vermutlich ein Stromaggregat, das selbstverständlich an leisen Stellen geräuschvoll ansprang. Kleine Bitte: Lasst die wunderbare Konstanze Eickhorst nächstes Mal bei Kerzenschein spielen …
Ganz gemächlich zurück zur St.–Andreas–Kirche – der Geiger grüßt nicht, neben ihm sitzt jetzt eine Dame, die seine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Der da vor der Kirche im Gespräch steht, er müsste es sein, der Organist Günther Kaunzinger. Auf seinem Programm steht die "Sinfonie Nr. 2" des unbekannten Komponisten Guy Weitz. Kaunzinger ist ein Virtuose ersten Ranges, das Werk, das an Widor oder Vierne erinnert, in dem gregorianische Themen verarbeitet werden, erfordert eine fabelhafte Technik – die Kaunzinger mühelos zur Verfügung steht. Nach der halbstündigen Sonate erzählt der völlig ruhige Solist – eigentlich müsste er wie aus dem Wasser gezogen aussehen –, freundlich: Weitz war Anglo–Belgier, in der Tat mit Vierne befreundet.
Gut, wenn man einen Schirm dabeihat, denn es fallen nun doch ein paar wenige Tropfen, hoffentlich hat der Himmel ein Einsehen und hält die Schleusen bis zum Ende des Abschlusskonzerts geschlossen. Schließlich ist der Marktplatz nicht überdacht. Aber die Menschenmassen strömen von dort Richtung St.–Andreas–Kirche, das Konzert ist vorsichtshalber verlegt worden.
Die helios–kammerphilharmonie hannover unter Römer begeistert das Publikum dort mit Mendelssohns "Hebriden–Overtüre" (über den Hebriden liegt in Römers Interpretation gerade mal kein Sturmtief), der stimmungsvollen "Folk Song Suite", der "Fantasia on Greensleves" und der Schauspielmusik "The Wasps" von Ralph Vaughan Williams (bei der ein hustender Mann die Kirche verließ, sollte vielleicht eine Wespe …?)
Und dann selbstverständlich – die kleinen Fähnchen kamen zum Einsatz, irgendjemand schwenkte auch einen britischen Wimpel, ein anderer einen undefinierbaren, vielleicht eine Seeräuberflagge: der Marsch "Pomp and Circumstance D–Dur" op. 39 Nr. 1 von Edward Elgar, der Dirigent lässt es am Schluss richtig krachen, Ovationen für das Orchester und Bernhard Römer. Der jetzt ja vielleicht wirklich reif für die Insel ist – und sich ein Bier oder deren mehrere redlich verdient hat.
Auf dem Marktplatz kann er"s nicht trinken, da sitzt niemand mehr, auch der Geiger ist samt Begleitung verschwunden. Aber so reizvoll die Dame ja auch sein mag, der Mann hat an diesem Abend ganz schön was verpasst. Andreas Bode
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, 11.07.2005

(mot) Es liegt nicht nur Musik in der Luft in dieser Nacht. Da gibt es ein entspanntes Plaudern in den Straßen, man prostet sich zu, man teilt Rotwein und Streichquartett, Sinfonie und Cappuccino, und Tomaten-Mozarella-Spießchen.
Die fünfte „Romantische Nacht”, die Bernhard Römer als künstlerischer Leiter initiiert und durchgeführt hat, verwöhnte jetzt ihre Besucher mit den unterschiedlichsten Genüssen: mit Lebensart und Hochkultur, mit Urlaubs-Atmosphäre und großer Kunst. Sicher ist es eben diese sinnliche Vollversorgung, die zum unschlagbaren Erfolgsrezept geworden ist und auch viele Menschen anlockt, die bei der sogenannten „klassischen Musik” für gewöhnlich einige Schwellenängste überwinden müssen.
Ganz unangestrengt lässt sich zwischen den zehn Einzelkonzerten, die sich auf den Marktplatz, das Hotel Meridien und die Kirchen St. Andreas, St. Michaelis und St. Jakobi verteilen und zum Teil parallel ablaufen, wählen und wandeln. Hier finden wirkliche Begegnungen statt. Hier ein vorsichtiger Biss ins Gorgonzola-Häppchen, dort ein ebenso vorsichtiges Reinhören in die halbstündige Kompakt-Version eines aufgewühlten Liederabends. Das mobilisiert glücklicherweise Hunderte von Neugierigen, die sich am Ende der Nacht, nach Sekt und Mendelssohn, noch leichter und beschwingter fühlen.
„All'ombra della luna - Musik für eine italienische Nacht.” Dieses verheißungsvolle Motto verspricht nicht nur das heitere Italien, sondern auch die Dunkelheiten der Nacht. Man beschwört etwas Paradoxes, nicht das Licht, sondern „l'ombra”, den Schatten des Mondes. Der kommt deshalb auch nur kurz und schwindsüchtig hinter schweren, schwarzen Wolken zum Vorschein.
Ulf Bästlein beispielsweise hat sich diese finsteren Stimmungen zum Material gemacht und stellt in St. Jakobi mit seiner ungeheuer flexiblen Bassstimme, mal laut und gewaltig ausbrechend, dann wieder fast flüsternd, Lieder und Arien vor, die die Nacht in Einsamkeit, in Melancholie und Trauer besingen. Punktgenau und klug begleitet von Moto Harada am Steinway-Flügel, interpretiert er gleich zwei Schubert-Vertonungen des Goethe-Gedichtes „An den Mond” und erschüttert mit seiner ergreifenden Ausformung der berühmten Arie des verlassenen Königs Phillip aus Verdis „Don Carlos”.
Weniger leicht macht es dem Publikum der Italiener Pier Damiano Peretti, der als Deutschlands jüngster Orgelprofessor in Hannover lehrt, und in der Michaeliskirche eine Eigenkomposition für Orgel und Querflöte uraufführt. Gewiss hätte man Peretti einen anderen Ort und auch einen anderen Zeitpunkt für die Vorstellung seiner ausgesprochen schwierigen „Aforismi lunari” gewünscht, denn ihre karge, immer an der Grenze zur Atonalität schwingende nächtliche Meditation stösst im Rahmen des genussvollen Flanierens auf wenig Verständnis.
Reihenweise verlassen Zuhörer das Konzert, während Vicki Kovàcs' Querflöte sphärisch verklärt die klanglichen Möglichkeiten des Zwölftonkomplexes umkreist. Perettis Stück bleibt eine Irritation, weniger aber Herausforderung als absehbare Überforderung, ein zu sehr um Bedeutungsschwere bemühter musikalischer Kraftakt.
Es ist Bernhard Römer selbst, der von Anfang bis Ende italienischen Glanz präsentiert, glücklich machende Hochstimmung. Mit zwei kirchlichen Werken von Vivaldi, dem „Gloria” und dem strahlenden „Dixit Dominus”, eröffnete er in der prall gefüllten St. Andreaskirche den Abend zusammen mit seiner hervorragend geführten Kantorei, der klar und hell aufspielenden Helios-Kammerphilharmonie aus Hannover und einem herausragenden Solisten Quintett. Sehr leicht und aussdrucksstark heben Isabell Bringmann (Sopran), Juliane Lauckner (Mezzosopran) und Elisabeth Graf (Alt) ihre Stimmen über den schwebenden Orchesterklang, ergänzt von Ulf Bästlein und dem jungen Tenor Daniel Pohnert.
Und am Ende schließt sich die Klammer: Römer stellt die Kammerphilharmonie auf dem Marktplatz auf, und der eigentliche Höhepunkt ist mit Mendelssohns vierter Sinfonie, der „Italienischen”, endgültig erreicht. Alle Tische und Stühle sind besetzt, die Gastronomie läuft leise und beschwingt weiter, serviert Eisbecher und Bier, und alles ist doch ganz und gar fokussiert.
Die italienische Nacht kommt ohne Mond aus, denn sie strahlt vor mitreißender Musik, vor Lebensfreude und Klangschönheit. Im Meridien sitzen Menschen im Fenster, Fackeln leuchten und das Orchester glänzt mit nicht zu haltendem Schwung. Unbedarft wird zwischen den sinfonischen Sätzen geklatscht, „Bravo” ruft man, und jetzt wird deutlich: das Konzept geht wieder auf, die Begegnung hat funktioniert, die Ängste sind abgebaut.
Und trotz Cappuccino und Mitternachtsimbiss haben Bernhard Römer und seine hochklassigen Kollegen den Sieger der Nacht erkoren: viva la musica!
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